April 2012 - Nachbericht 4. Kikiko 2012 mit Schwerpunkt HWS

HWS im Mittelpunkt: KFO von Kopf bis Fuß

4. Kieler Kinderkonferenz fördert Früherkennung und interdisziplinäre Therapie

HWS – diese drei Buchstaben bzw. die damit bezeichnete Halswirbelsäule war zentrales und interdisziplinäres Thema der 4. Kieler Kinderkonferenz am 16. und 17. März. Bereits zum vierten Mal stellte sich diese Konferenz damit ein Schwerpunktthema aus dem Komplex „Funktion und Kindesentwicklung“ unter der wissenschaftlichen Leitung von Dr. Andreas Köneke (Kieferorthopäde, Kiel, Bremen, Wyk/ Föhr, Lehrbeauftragter Uni Rostock). „HWS als Schnittstelle zwischen Zahn und Medizin, Kiefer und Orthopädie“ - dazu boten insgesamt 19 Referenten aus unterschiedlichen Fachbereichen einen aktuellen Überblick zu Aspekten und Entwicklungen aus Ihren Fachgebieten im wahrsten Sinne von Kopf bis zum ebenfalls thematisierten Fuß im Hotel Kieler Kaufmann.

Köneke betonte die Rolle der HWS sowohl als Schnittstelle, „weil sie oft eine unsichtbare fachliche Kompetenzgrenze darstellt“, als auch als Bindeglied zu den Partnern im Netzwerk. Damit leitete er eine Konferenz mit viel Offenheit und interessanten Vorträgen und Diskussionen über Fachgrenzen hinweg ein.

Prof. Kopp: Ohne Funktionssdiagnostik keine Behandlung

Ehrenreferent Prof. Dr. Stefan Kopp, Direktor der Klinik für Kieferorthopädie, Universität Frankfurt formulierte frei nach Goethe: „Man erkennt nur, was man kennt.“ Gemeinsam mit seinem langjährigen Kollegen Dr. Gernot Plato, (Orthopäde, Rendsburg) referierte er betont praxisbezogen zur fachübergreifenden Diagnostik und Therapie von Funktionsstörungen der HWS. Vermehrt seien heute auch bei Kindern Abrasionsgebisse auffällig, so Kopp, der fragte, wohin diese Kräfte geleitet würden. Bei den 6-9jährigen seien myogene Störungen hoch signifikant, bei den 9-13jährigen höchstsignifikant und noch erweitert um arthrogene Störungen - mit dem gleichen Risiko wie bei Erwachsenen. Für Kopp ergibt sich daraus, dass keine kieferorthopädische Behandlung ohne genaue Abklärung auf mögliche Funktionsstörungen im Rahmen einer Manuellen Funktions- und Strukturanalyse begonnen werden sollte. Schnelle und kostengünstige Screening-Verfahren seien laut Kopp angesichts der Tendenz zur Neuroplastizität und Ausprägung eines Schmerzgedächtnisses - in diesem Bereich bereits nach 3-4 Wochen - notwendig.

HWS, Biomechanik und sensomotorische Schlüsselregionen

Die Physiologie der HWS und ihre Biomechanik erklärte Anne-Kathleen Hölzel (Physiotherapeutin nach CRAFTA, Hamburg) und erinnerte z.B. daran, dass ein Aufrichten des Kopfes aus einer Fehlposition bereits eine Modifikation des Knackens zur Folge haben kann, dass bei Kopfschmerzpatienten auch die enge Lagebeziehung zwischen A. vertebralis und C1 und die resultierende mechano-sensitive Stelle bedacht werden sollte und machte bewusst, durch wie viele verschiedene Muskellogen und damit potentielle Störfaktoren der N. occip. major auf seinem Weg zum Kopf hindurch muss. Zudem sei die suboccipitale Muskulatur und die gesamte „Nackenregion“ eine sensomotorische Schlüsselregion mit hohem propriozeptiven Input aufgrund der hohen Zahl an Muskelspindeln mit Bedeutung für das Wachstum aus.

Diagnostik mit Struktur

Strukturierte interdisziplinäre Diagnostik für Zahnärzte bei Kindern mit Funktionsstörungen sei laut Zahnarzt Dr. Christian Köneke (Bremen) immer noch in erster Linie manuell-intellektuell und nicht radiologisch, schienenbasiert oder kinematografisch. Um Störungen der Funktion, der Struktur und der Morphe jedoch genau auseinanderhalten zu können, bedürfe es gerade bei Patienten mit der Gefahr einer Sensitivierung einer Systematik. Anhand der von ihm und Gert Groot Landeweer entwickelten Software easyC.M.D. erläuterte er, wie das auch fachübergreifend möglich sei. In der Diskussion wurde bestätigt, dass derart umfassende Störung inzwischen durchaus im Kindes- und Jugendalter zu finden sind.

Vom Ellenbogen-Stütz zur Fehlbisslage

Mit faszinierenden Einblicken untermauerte dies die Hamburger Entwicklungstherapeutin und PäPKi-Gründerin Dr. Wibke Bein-Wierzbinski. Ihre Patienten zeigen Verhaltens-, Respirations-, Essstörungen und fein- sowie graphomotorische Unreife verbunden mit Fehlbisslagen. Die Wurzeln dafür gehen teils bis in die wichtigen 3.-4. Lebensmonate, in denen der Aufrichtungsprozess nicht korrekt abläuft. Kommt ein Kind z.B. nicht korrekt in den Ellenbogen-Becken-Stütz, können sich der Rumpf und seine Muskulatur nicht anhand der Haltearbeit für den Kopf entwickeln. Ohne Korrektur bauen weitere Entwicklungsfehler darauf auf. Für das orofaziale System liegen hierin Gründe für auffällige Fehlbisslagen und Sprachfehler aufgrund myofunktioneller Störungen, falscher Kopfposition und falscher Zungenruhelage.

KFO und HWS

Den Einfluss des Deckbisses auf die HWS und andere funktionelle Auffälligkeiten bei Fehlbisslagen hatte Dr. Andreas Köneke et al. an 189 Patienten untersucht. Signifikant erhöht waren bei dieser Gruppe funktionelle Auffälligkeiten im Bewegungsapparat, doppelt so viele wie bei Kl. II/1, dreimal so viel wie bei Kl. I-Patienten und zehnmal so viel wie bei Kl. III-Patienten. Er arbeitete einen wesentlichen therapeutischen Unterschied der zwangs- und tiefbissabhängigen Funktionsstörungen zu anderen okklusal und auch zu nicht okklusal determinierten Funktionsstörungen heraus: Bei solchen Patienten müsse bei Zeichen einer okklusal determinierten Funktionsstörung oft zunächst die Morphe – hier der Deckbiss – korrigiert werden, während dies bei Vorliegen von Funktionsstörungen bei den anderen dentoskelettalen Anomalien meist umgekehrt sei.

Gute Haltung ist Fußsache

„Eine der sensomotorischen Schlüsselregionen ist der Fuß“. Diesen Satz und die Konsequenzen aus vielfach unbeachteten Fehlhaltungen beschrieb Dr. Gregor Pfaff, Facharzt für Orthopädie und Präsident der Gesellschaft für Haltungs- und Bewegungsforschung e.V. (GHBF). Wenn Kinder nur noch „online“ gehen, fehlt Funktion und damit Muskulatur und wichtige Anreize, die für eine gesunde aufrechte Haltung von Bedeutung sind. Balance sei ohne Füße nicht vorstellbar. Fußtraining und aktivierende Einlagen hätten dabei Vorrang vor passiven, irreversiblen oder operativen Maßnahmen, wenn es um die Herstellung der Balance beim Kind gehe und das Zusammenspiel von Kopf- (70 %) und Fußsteuerung (30%).

Am Ende der Kieler Kinderkonferenz mit Themen von Kopf bis Fuß unterstrich Dr. Andreas Köneke noch einmal die Bedeutung dieser interdisziplinären Konferenz mit konsequentem Ansatz zur Frühbehandlung funktioneller Störungen: „Wer die Probleme seiner erwachsenen Patienten verstehen will, der fragt nach deren Kindheit.“

Tipp: 14. und 15. März 2014: 5. Kieler Kinderkonferenz mit dem Schwerpunkt: funktionsstörungsassoziierte Erkrankungen und deren Differentialdiagnose