CMD bei Kindern: Interview mit Kieferorthopäde Dr. Andreas Köneke (Kiel)

Behandeln bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist...

Interview mit dem wissenschaftlichen Leiter der Kieler KinderCMD Konferenz Dr. Andreas Köneke (Kieferorthopäde und CMD-Spezialist, Kiel)

Dr. Köneke, Sie haben in diesem Jahr zum ersten Mal eine spezielle KinderCMD-Konferenz in Kiel veranstaltet. Was muss man sich darunter vorstellen?

Zunächst muss man hier vielleicht den Begriff der CMD erläutern, um genau nachzuvollziehen, was wir mit dieser Konferenz verhindern wollen. Die drei Buchstaben CMD stehen für Craniomandibuläre Dysfunktion – kurz: zwischen Schädel und Zähnen stimmt etwas nicht und zwar der Biss. Das wiederum hat bei CMD-Patienten negative Folgen auf den gesamten Körper und äußert sich in Kopf-, Nacken- und Rückenschmerzen bis hin zu Schwindel oder Ohrgeräuschen. Auch andere Ursachen stören jedoch die Körperstatik und erzeugen diese Symptome. Die Erkrankung ist multifaktoriell, in der Regel reicht eine einzelne Disziplin nicht aus, um erfolgreich zu sein. Die Bereitschaft zum kollegialen Gespräch ist der Schlüssel zum Erfolg. CMD ist für den Einzelnen eine Erkrankung mit einer oft langen Anamnese, einer vielmals von Hoffnungslosigkeit und Angst überschatteten Situation.

Und warum dann die Kinder-Konferenz?

Bei Kindern gilt es die erwähnten Symptome der CMD zu verhindern, ihre Entstehung möglichst früh zu erkennen und positiv einzuwirken, damit sich keine CMD entwickeln kann. Ein erstes, aber oft nicht beachtetes Zeichen sind Symmetriestörungen. Erst wenn sie als unschön und ästhetisch beeinträchtigend empfunden werden, wird behandelt. Das Problem besteht jedoch schon früher, was in der Literatur derzeit kontrovers diskutiert wird. Viele Symmetriestörungen haben eine frühkindliche Ursache. Wird eine solche Symmetriestörung z.B. eine leicht schiefe Kopfhaltung, ein einseitiger Schulterhochstand oder Beckenschiefstand oder die nicht passenden Kiefermitten nicht im vollen Umfang erkannt und ernst genommen, entwickelt sich in der Folge eine funktionell instabile Situation des gesamten Bewegungsapparates.

Was genau verbindet denn „symmetrie-gestörte“ und CMD-Patienten?

Diese Frage wird im Moment in der Literatur kontrovers diskutiert. Fakt ist, dass CMD-Patienten zu über 90 Prozent emotional auffällig sind, unter einer Blockade der Kopfgelenke leiden sowie zu Problemen im Bereich der Schulter- und der Nackenmuskulatur neigen. Zudem zeigen viele eine Ganzkörperasymmetrie. Genau diese Symptome und weitere zeigen auch die betroffenen Kinder, wenn die Asymmetrien nicht mit weiteren Hilfen („Nachlernen von Bewegungen“, Physiotherapie etc.) ausgeglichen werden.

Aber so ein bisschen schief ist doch jeder, oder?

Teilweise ist der Körper gerade bei Kindern an einer umschriebenen Stelle des Bewegungsapparates in der Lage, dies zu kompensieren. Das ist dann trügerisch. Denn wenn ein Kieferorthopäde oder Zahnarzt in diese mühevoll ausgeglichene Situation ohne vorherige genaue Untersuchung hineinbehandelt, kann das ganze System entgleisen. Diese Kinder waren dann vorher kompensiert und damit ohne Symptome. Diese treten jedoch dann während der Behandlung oder meist erst mit jahrelanger Verspätung im Erwachsenenalter in voller Ausprägung auf. Die Verbindung zum Biss wird dann oft erst spät erkannt und behandelt. Das ist das Tückische.

Ist dann eine Prophylaxe überhaupt möglich?

Durch den Einsatz einer geeigneten Diagnostik vor Behandlung und mit Hilfe darauf abgestimmter Behandlungsmethoden schafft die moderne Kieferorthopädie zwei Dinge: Sie kann einerseits Funktionsstörungen verhindern und sie zum anderen sogar therapieren. Die Zahnärzte haben dabei ähnlich wie die Kinderärzte eine zentrale Rolle bei der Weichenstellung, weil sie durch die regelmäßigen Besuche ein Screening machen können. Bei Orthopäden und Kieferorthopäden sieht das oft anders aus. Hier kommen ja die Patienten aus eigenem Antrieb oder auf Überweisung, weil etwas nicht ganz im Lot ist. Nicht selten sehen wir junge Erwachsene mit CMD, bei denen die Fehlbisslage die Hauptursache der Beschwerden ist. Diese kerngesunden Zähne an die funktionell passende Stelle zu bewegen, ist dann Sache der Kieferorthopädie. Das Schöne daran: Was funktionell ist, sieht meist auch ästhetisch ansprechender aus...

Wie verläuft die Behandlung?

Zunächst versuchen wir im Therapeuten-Netzwerk ein funktionelles Optimum herzustellen. Meist benötigen wir dazu den Orthopäden, Physiotherapeuten, Osteopathen oder eben den Entwicklungstherapeuten. Manchmal auch andere Disziplinen, je nach Ursache. Haben wir dies gefunden, stellen wir die bereits eingetretenen Veränderungen soweit wieder zurück, dass ein stabiles Gleichgewicht besteht. Gerade bei Kindern gilt, je eher die Behandlung einsetzt, desto schneller sehen wir die Erfolge. Ein kurzer osteopathischer Check nach der Geburt und gegebenenfalls Korrektur der Blockierung kann schnell aus einem Schreikind, das Schmerzen beim Bewegen des Kopfes hat, ein ganz normales Baby werden lassen. Alle weiteren Entwicklungsprozesse, die die Natur auf dem vorhergehenden aufbaut, laufen dann wieder regelrecht ab. Ohne Korrektur ist die Situation wie mit einem Webfehler, wo ein Fehler eine Reihe an Veränderungen nachsichzieht, die bis ins Erwachsenenalter nachhallen.

Wie kann man CMD heilen?

CMD kann viele Ursachen haben, aber wo anfangen? Oft kann ein Arzt allein nicht die richtige Diagnose stellen und fast nie allein therapieren. Optimal aufeinander abgestimmte Ärzteteams in örtlichen Netzwerken sind gefragt, die jenseits von Kompetenzgerangel patientenbezogen miteinander arbeiten und trotz hochgradiger fachlicher Spezialisierung eine gemeinsame Sprache sprechen. Aus diesem Grund steht das Norddeutsche CMD-Curriculum allen Fachdisziplinen zum gemeinsamen Besuch offen: Ärzte, Zahnärzte, Physiotherapeuten, Osteopathen und auch Zahntechniker lernen gemeinsam, wie CMD wirkungsvoll therapiert werden kann.

Was wünschen Sie sich für die zukünftige Arbeit?

Wir haben hier in Kiel eine sehr gute Zusammenarbeit zwischen den ärztlichen und zahnärztlichen Kollegen. Das zeigt nicht zuletzt die Kinderkonferenz und die gute Zusammenarbeit mit den vielen Ärzten, die mir gezielt Patienten mit dieser Problematik überweisen. In vielen Orten gilt es jedoch für die zugegeben sehr unterschiedlich orientierten Kollegen, die Orthopäden, Kinderärzte, Augenärzte, Physiotherapeuten, Schmerztherapeuten, Psychotherapeuten und viele weitere Fachkollegen mehr interdisziplinär und ohne Scheuklappen zu arbeiten. Wir sollten im Interesse der Kinder und späteren Erwachsenen zu einer neuen Form der ganzheitlichen Versorgung im eigentlichen Sinn des Wortes finden..

Danke für das Gespräch, Herr Dr. Köneke.